Kaderplanung beim Bundesliga-Aufsteiger
HSV vor großem Kader-Umbruch: Wo Hamburg jetzt dringend nachlegen muss
Der erste Profivertrag für Shafiq Bello Nandja ist für den HSV ein Signal in Richtung Zukunft – und ein Hinweis darauf, dass der Klub den eigenen Nachwuchs enger an die Profis heranführen will. An der zentralen Aufgabe ändert das jedoch wenig: Nach der Rückkehr in die Bundesliga steht Hamburg vor einem Sommer, in dem gleich mehrere Mannschaftsteile neu aufgestellt werden müssen, wenn das zweite Jahr im Oberhaus nicht zum Kraftakt werden soll.
Nandja ist ein Perspektivspieler – der Bedarf im Abwehrzentrum bleibt akut
Der HSV machte die Vertragsunterschrift des Innenverteidigers am 21. Mai öffentlich. Nandja (Jahrgang 2007), seit 2018 im Verein, hatte in der Rückrunde bereits bei den Profis mittrainiert und feierte Mitte Mai beim 3:2 gegen Freiburg seine Bundesliga-Premiere. Nandja selbst sprach davon, dass mit der Unterschrift „ein Traum wahr“ werde. Sportdirektor Claus Costa ordnete den Schritt ebenfalls als folgerichtig ein: „Shafiq hat sich diesen Schritt mit viel Arbeit und Disziplin mehr als verdient.“
So stimmig die Personalie als Entwicklungsschritt ist – sportlich löst sie die strukturelle Frage nicht, die sich in der Innenverteidigung auftut. Mit Luka Vuskovic verliert der HSV einen wichtigen Leihspieler; der Verteidiger war von Tottenham Hotspur gekommen und kehrt nach Leihende zunächst nach London zurück. Auch abseits dieses Abgangs bleibt die Achse hinten ein Bereich, in dem nicht nur ergänzt, sondern Qualität ersetzt werden muss.
Hinzu kommt eine zeitliche Unwucht: Mario Vuskovic soll im Herbst nach abgesessener Dopingsperre zurückkehren. Selbst wenn er dann wieder eine Option wird, kann der HSV die Kaderplanung für den Saisonstart nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Für einen Aufsteiger, der Stabilität über 34 Spieltage braucht, spricht vieles dafür, die Innenverteidigung doppelt zu verstärken – mit Spielern, die sofort Bundesliga-Niveau bringen, und nicht erst perspektivisch hineinwachsen sollen.
Offensiv fehlt Durchschlagskraft – und nach Abgängen auch Substanz
Noch deutlicher wird der Handlungsdruck in der Offensive. Fabio Vieira kehrt nach dem Ende seiner Leihe zu Arsenal zurück. Der HSV verliert damit nicht nur einen Kreativspieler, sondern einen Akteur, der in der abgelaufenen Saison in der Endproduktion auffällig häufig beteiligt war. Der Klub muss diese Lücke neu schließen – zumal die Chancen auf eine erneute Verpflichtung als eher gering eingeschätzt werden, auch wenn sie im Vergleich zu anderen Leihpersonalien nicht völlig ausgeschlossen wirken.
Zusätzlich ist die Zukunft von Albert Grönbaek nicht abschließend geklärt: Er müsste fest verpflichtet werden, beide Seiten sollen grundsätzlich an einer Fortsetzung interessiert sein, entscheidend sind aber die noch ausstehenden beziehungsweise abzuwartenden Gespräche mit Stade Rennes. In dieser Gemengelage droht dem HSV, dass aus einem „Nachjustieren“ im Offensivbereich ein kompletter Umbau wird.
Die Bilanz aus der vergangenen Saison zeigt, warum Hamburg im Angriff mehr braucht als nur einen Ergänzungsspieler: 40 Tore in 34 Partien sind für eine Mannschaft, die in der Bundesliga bestehen will, ein Wert, der schnell zu engen Spielen und hohem Ergebnisdruck führt.
Im Sturmzentrum verteilte sich die Ausbeute auf mehrere Schultern, ohne dass ein verlässlicher Torjäger konstant zweistellig lieferte: Ransford-Yeboah Königsdörffer kam auf fünf Treffer, Rayan Philippe ebenfalls auf fünf, Robert Glatzel auf drei, Yussuf Poulsen auf einen. Königsdörffer wird den HSV zudem ablösefrei Richtung Mainz verlassen – ein Transfer, der auch zeigt, wie groß der Abstand zwischen einem etablierten Bundesligisten und einem Rückkehrer ist, der sich den Status erst wieder erarbeiten muss.
Aus sportlicher Sicht läuft es damit auf ein anspruchsvolles Profil hinaus: Gesucht wird mindestens ein Angreifer mit klarer Trefferquote, der zugleich im Anlaufen und in der Defensivarbeit funktioniert. Gerade wenn der HSV – wie vorgesehen – mit einer Dreierkette und Systemvarianten wie 3-4-3 oder 3-5-2 agieren will, hängt die Effektivität vorne stark davon ab, wie sauber und regelmäßig aus den Halbräumen und von den Außenbahnen beliefert wird. In der abgelaufenen Saison kam diese Konstanz bei Flanken und Hereingaben, etwa über Jean-Luc Dompé und Fabio Baldé, zu selten. Mehr Torgefahr im Zentrum ist deshalb nicht nur eine Personalfrage, sondern auch eine Frage von Struktur und Service.
Außenbahnen: dünn besetzt – rechts eine offene Baustelle
Der Umbau endet nicht im Zentrum. Auf den Außenbahnen ist der Kader in der Tiefe anfällig – und das ist in der Bundesliga meist der Bereich, in dem Verletzungen, Sperren und Formschwankungen besonders schnell zu Qualitätsverlust führen.
Links hat Miro Muheim nach Einschätzung aus dem Umfeld passables Bundesliga-Niveau gezeigt. Genau deshalb wäre dort ein belastbarer Backup sinnvoll: weniger als Luxus, mehr als Absicherung, um Leistung nicht an eine einzige Personalie zu knüpfen. Rechts ist die Lage deutlich offener. Das Modell aus Giorgi Gocholeishvili, William Mikelbrencis und Bakery Jatta brachte keine dauerhaft überzeugende Lösung: Gocholeishvili wird nach Leihende nicht verpflichtet, Mikelbrencis’ Vertrag läuft aus – und insgesamt fehlte über die Saison hinweg der durchgehende Nachweis, dass diese Seite sowohl defensiv stabil als auch offensiv produktiv besetzt ist.
Gerade in einer Spielweise, die über Wingbacks Breite, Tiefenläufe und Flanken erzeugen soll, wird die rechte Seite damit zur Schlüsselfrage: Ohne verlässliche Dynamik und Qualität außen droht dem HSV, dass sich die Offensivprobleme aus der Vorsaison fortsetzen – unabhängig davon, wer im Sturmzentrum steht.
Kader-Tiefe und Achse: Vieles ist noch ein „Gerüst“
Dass Hamburg in diesem Sommer gleichzeitig an mehreren Stellschrauben drehen muss, hat auch mit der Struktur des Kaders nach der Rückkehr-Saison zu tun: Viele Leistungsträger waren Leihspieler. Als vergleichsweise stabil gilt die Torhüterposition mit Daniel Heuer Fernandes und Sander Tangvik. In anderen Mannschaftsteilen dagegen wirkt der Kader eher wie ein loses Gerüst, das erst wieder zu einer Bundesliga-tauglichen Achse zusammengebaut werden muss.
Mit Kofi Amoako hat der HSV bereits einen ersten Zugang verpflichtet; der defensive Mittelfeldspieler kommt von Dynamo Dresden. Der Transfer ist ein Baustein – aber noch keine Antwort auf die zentrale Herausforderung, die sich aus Abgängen, offenen Personalien und dem Anspruch „Klassenerhalt“ ergibt.
Unterm Strich bleibt: Nandjas Profivertrag passt zur Strategie, Talente schneller heranzuführen. Für die kurzfristige Wettbewerbsfähigkeit ist er jedoch vor allem ein Perspektivsignal. Wenn der HSV im zweiten Bundesliga-Jahr nicht in einen Dauer-Überlebenskampf geraten will, braucht es mehrere sofort belastbare Lösungen – insbesondere in der Innenverteidigung, im Sturm und auf den Außenbahnen.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.ndr.de/sport/fussball/Bundesliga-Hamburg-HSV,hsv-1734.html, 27.05.262026
- https://www.hsv.de/news/hsv-bindet-eigengewaechs-shafiq-nandja, 21.05.2026
- https://www.hsv.de/news/vuskovic-haette-es-mir-nicht-besser-vorstellen-koennen, 14.05.2026
- https://www.hsv.de/en/news/hsv-sign-kofi-amoako, 23.05.2026

